Hochschulreife – ein disruptives Bildungsmodell für die Schweiz

Disruptives Bildungsmodell Hochschulreife

Das Interesse der Eltern, dass ihre Töchter und Söhne einen Hochschulabschuss erreichen ist ungebrochen. Dabei dominiert immer noch die Vorstellung, dass der Zugang zu den Hochschulen nur über die Matura zu erreichen sei. Der Weg via Berufslehre, Berufsmatura und Fachhochschule ist in den Köpfen weniger präsent. Stimmt das Begabungs- und Leistungsprofil der Kinder nicht mit den Anforderungen an die eidgenössische Matura und deren Fächerkanon überein, so bieten sich verschiedene Alternativen. Gemäss Artikel «Für die Matur ins Ausland» (20.10.2018 NZZamSonntag) studiert an der Università della Svizzera italiana jede vierte Schweizerin oder Schweizer mit einer italienischen Matura. In Konstanz geht jedes zehnte Abitur an eine Person aus der Schweiz. Mit der zunehmenden «Entortung» des Bildungsmarktes erreichen Bildungsanbieter verschiedener europäischer Länder mit ihren E-Learning und Blended-Learning-Angeboten zur Erlangung der Hochschulreife nicht nur die Familien in grenznahen Regionen. Der ganze Sprachraum wird unabhängig vom geografischen Standort der Zielgruppe erreicht. 
 
Die stark veränderten Reichweiten zeigen sich bereits bei den Hochschulen, die bezüglich E-Learning und dem Betrieb von E-Learning-Centres über langjährige Erfahrungen verfügen. EPFL Mooc hat über zwei Millionen registrierte Benutzerinnen und Benutzer aus über 200 verschiedenen Ländern. Über 100'000 Personen haben Online-Kurse abgeschlossen (Newsmeldung EPFL vom 12.2.2018).
 
Es stellt sich die Frage, wenn Schweizer Hochschulen die Zertifikate zur Hochschulreife der verschiedenen europäischen Länder anerkennen und diese via E-Learning erwerbbar sind, ob lokale Bildungsanbieter diese Bildungsangebote in ihr Bildungsportfolio aufnehmen sollten. Einseitig hochbegabte Kinder haben in der Schweiz schlechte Voraussetzungen für das Bestehen der eidgenössischen Matura. Mit dem Internationalen A-Level hätten sie wesentlich bessere Chancen die Hochschulreife zu erlangen und wären mit diesen Voraussetzungen bei den Schweizer Hochschulen willkommen.
 
Ein disruptives Bildungsmodell, das die neuen Möglichkeiten einbezieht, könnte aus diesen Elementen zusammengesetzt sein:
 
E-Learing Centre

Verschiedene Hochschulen betreiben ein E-Learing Centre. Diese unterstützen die Lehre in didaktischen Fragen zu E-Learning. Sie helfen bei der digitalen Aufbereitung der Lehrinhalte und sie schulen Dozentinnen und Dozenten bezüglich Nutzung von Lehr- und Lernplattformen, Videokommunikation und Fragen rund um Online-Tutoring. Eine solche Einrichtung fehlt bei den Mittelschulen bis anhin. Sinnvoll wäre je ein Zentrum für die Deutsche, Französische und Italiennische eidgenössische Matura. Hier liesse sich der ganze Stoff abbilden: Kurzreferate auf Video, Lehrtexte, Fotos, Grafiken, Animationen und Aufgabenstellungen. Die Lernenden könnten mittels Online-Tutoren unterrichtet werden. Die Lernsequenzen können sowohl simultane Online-Gruppenveranstaltungen, 1:1 Situationen mit der Lehrperson, als auch Selbststudium umfassen.
Das E-Learning-Centre stellt sicher, dass die Lernenden die Lernziele erreichen. Es entwickelt das Lernangebot zur Erlangung der Hochschulreife weiter und es stellt Online-Tutorinnen und Online-Tutoren an. Eine mögliche Organisationsform könnte analog zum EHB (Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung) gewählt werden. Es umfasst ein nationales Zentrum mit sprachregionalen Ablegern.
 
Online-Tutorinnen / Online-Tutoren
Die Online-Tutoren nehmen einige Aspekte der Funktion der Lehrperson wahr. Sie können irgendwo auf der Welt ihren Standort haben und sind von den E-Learning-Centre angestellt und allenfalls auch ausgebildet. Ihre Hauptaufgabe ist die ergänzende Stoffvermittlung und Sicherstellung der erforderlichen Fachkompetenzen des jeweiligen Fachs. Sie vermitteln bestimmte Inhalte, sie beantworten Fragen, sie Unterstützen bei Facharbeiten und nehmen Leistungs- und Kompetenznachweise ab. Im Sprachunterricht könnten so vermehrt «native Speaker» in die Sprachausbildung einbezogen werden.
 
Co-Learningspace Hochschulreife

In Anlehnung an die offene Organisationsform des Co-Workingspace könnte man einen Co-Learningspace für den Erwerb der Hochschulreife schaffen. Sie kennen die verschiedenen Angebote der E-Learning-Centre (CH, D, F, I, A, E, etc.). In einigen Ländern bestehen bereits Angebote. In der Schweiz bietet sich diesbezüglich noch Potenzial.

 
Die Jugendlichen wählen entsprechend ihrer Begabungsprofile und Studienwünsche zwischen verschiedenen E-Learning-Angeboten der E-Learning-Centre aus. Sie erhalten vom Co-Learningspace weitere Unterstützung:

  • Tagesstruktur mit Gleitlernzeiten und Begleitung der Jugendlichen
  • Arbeitsplätze zum Lernen
  • Schnelle Internet-Zugänge für die Video-Kommunikation mit den Online-Tutoren
  • Lerncoaching für das individuelle Lernen nach eigenem Lerntempo
  • Laborumgebung für Experimente
  • Kulturelle und soziale Bildung (Musik, bildnerisches Gestalten, Kunsthandwerk, Theater, etc.)
  • Sportangebote
  • Events

 
Mittels Learncoaches und einer Tagesstruktur vor Ort erhalten die Jugendlichen eine dem Alterssegment notwendige Betreuung und Unterstützung. Mit dem
Einstieg ins E-Learning und Blended-Learning sammeln die Jugendlichen erste Erfahrungen mit einer Lehr- und Lernkultur, die zunehmend an Hochschulen zum Einsatz gelangt.
 

 

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Grafik:
E-Learning Centre: Länderspezifische Angebote zur Erlangung der Hochschulreife. Diese können irgendwo auf der Welt stationiert sein und sind ortsungebunden.
Online-Tutoren: Lehrpersonen, die online Lernende schulen. Diese können ebenfalls irgendwo auf der Welt stationiert sein und sind ortsungebunden. Sie sind den jeweiligen E-Learning Centre angeschlossen.
Co-Learningspace Learncoaches: Physischer Lern- und Lehrort, der Lernenden eine Tagesstruktur und ergänzende Unterstützung bietet. Diese Orte können eher klein konzipiert und regional gut verteilt sein, auch in Berggebieten und Randregionen.
Lernende: Mittels Laptop, Tablet oder Smartphone greifen diese auf die Lehr- und Lernangebote der E-Learning Centre zu. Sie kommunizieren über Videokommunikation mit ihren Online-Tutoren.
 
Mit dem Betrieb eines E-Learningcentre für die eidgenössische Matura könnten auch Auslandschweizerinnen und -schweizer vom staatlichen Bildungsangebot profitieren. Zudem liesse sich das Angebot für den ganzen Sprachraum D, F und I öffnen. Setzt man den Trend mit der zweisprachigen Matura mit Englisch fort, wäre der ganze englischsprachige Raum erreichbar.
 
Die Entwicklung von Bildungsangeboten, die in diese Richtung gehen, wie sie oben skizziert wurden, sprengt den Rahmen der bisherigen Bildungsorganisationen. Geht man von analogen Zahlen aus wie an der EPFL mit 100'000 Kursabschlüssen, so wird sofort klar, dass das nicht eine einzelne Schule oder ein einzelner Kanton alleine stemmen kann.
 
Hier ist die Bildungspolitik gefordert. Es braucht andere gesetzliche Grundlagen und organisatorische Rahmenbedingungen. Auf alt Bewährtes kann man nur bedingt zurückgreifen, da sich mit den Informationstechnologien völlig neue noch nie dagewesene Dimensionen eröffnen.

 

Kontakt: Christian Hirt, christian.hirt@examedia.ch, +41 43 501 26 10

 

 

 

 

 

 

 

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Published: August 2019